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Die letzten Tage des Dorfladens


das Ende der Stremel Stuf das Ende der Stremel Stuf
[25. November 2017]
Artikel aus der LZ
Die letzten Tage des Dorfladens Ende des Monats schließt der einzige Supermarkt in Artlenburg. Der Backshop soll wieder öffnen. Doch eine Lücke bleibt Von Anna Sprockhoff Artlenburg. Neulich, als die alte Dame am Lotto-Schalter in Tränen ausbrach, wäre Carola Verthein am liebsten abgehauen. Sie hätte den Kittel ausgezogen, die Ladentür abgeschlossen und alles hinter sich gelassen. Den Frischemarkt. Die Zukunftssorgen. Die Kunden, die sie durch den immer leerer werdenden Supermarkt gehen sieht, viele von ihnen alt, viele auf Rollatoren gestützt, viele verzweifelt, weil sie sich entschieden hat, zum Ende des Monats den einzigen Supermarkt im Ort zu schließen. Es quält die 54-Jährige mehr als sie dachte, das Gefühl, die Menschen im Stich zu lassen. „Dabei hab ich keine andere Wahl mehr gesehen.“ 24 Jahre lang verkaufte Carola Verthein Lebensmittel in Art¬lenburg. Die ersten zehn Jahre in dem kleinen Geschäft auf der anderen Straßenseite, dann verließ die Sparkasse den Ort und sie zog um in die umgebaute Bankfiliale. „Es war immer ein hartes Geschäft“, sagt sie, „aber es hat mir Spaß gemacht. Bis vor zwei Jahren.“ Da hatte die Gemeinde mit „Norma“ nach langer Suche einen Einzelhandels-Konzern gefunden, der den lang gehegten Traum der Politiker wahr machen wollte: ein neuer Supermarkt am Ortsrand. Je konkreter die Baupläne wurden, desto hitziger wurden die Diskussionen um die Zukunft des Dorfladens. Team und Kunden demonstrierten für den Erhalt des Ladens, die Gemeinde kämpfte für den Supermarkt, Carola Verthein fühlte sich „zunehmend unwillkommen“. Irgendwann zog die 54-Jährige die Reißleine. „Ich wollte entscheiden, wann Schluss ist, nicht warten, bis der neue Supermarkt eröffnet und ich langsam pleite gehe.“ Sie kündigte die Lieferverträge, das Lotto-Geschäft, den Mietvertrag bei der Gemeinde. Der Bürgermeister nahm die Kündigung entgegen, „kein einziger Versuch, mich aufzuhalten“, sagt sie. Twesten hoffte auf eine bessere Zukunft, eine, in der am Rand seiner Gemeinde ein neuer Supermarkt glänzt. Einen Plan B, sagt er, brauchte er nicht. „Wir waren uns sicher, dass das klappt mit dem Supermarkt. Wir hatten alle erforderlichen Gutachten erstellt, unsere Hausaufgaben gemacht.“ Doch das sah der Landkreis Lüneburg anders, erklärte Anfang September für die Gemeinde völlig überraschend: Es wird nichts mit dem Supermarkt, zumindest nicht in der geplanten Größe. 1000 Quadratmeter seien zu groß, mit den Zielen der Raumordnung nicht vereinbar. Twesten stand unter Schock, kämpfte, um den Landkreis zum Einlenken zu bewegen. Vergeblich. Der Kreis blieb hart, verlangte eine Anpassung der Pläne und die Erstellung eines erneuten Gutachtens – ohne Garantie, dass es dann klappt mit der Genehmigung. Noch hält „Norma“ an den Bauplänen fest, sucht mit der Gemeinde das Gespräch mit dem Kreis. Doch der Bürgermeister fürchtet: „Wenn der kein Einsehen hat, springt ,Norma‘ ab.“ Twesten steht unter Druck: Egal, wo er auftaucht im Ort, wollen die Menschen von ihm wissen, was nun wird mit seinem Supermarkt. Jetzt, wo auch noch der Dorfladen zumacht. Der Bürgermeister versucht, zu erklären, was los ist, er schreibt Bürgerinformationen, betont, dass die Gemeinde alles getan hat für den neuen Supermarkt und dass der Landkreis ihnen in früheren Gesprächen längst eine Genehmigung in Aussicht gestellt hat. Und er sagt offen, dass auch er mittlerweile frustriert sei. „Da kann einem wirklich die Freude am Job vergehen.“ Seit elf Jahren kümmert sich Twesten ehrenamtlich um die Gemeinde, allein in den Supermarkt-Plan hat er Hunderte Stunden investiert, überzeugt davon, dass es das Beste ist für sein Dorf. Dass die Gemeinde nun womöglich ganz ohne Lebensmittelgeschäft auskommen muss, sei nicht seine Schuld. „Das hat allein der Landkreis zu verantworten“, sagt er. „Doch wir kämpfen weiter, wir sind im Gespräch.“ Die Gemeinde an der Elbe steht bisher gut da. Es gibt einen Kindergarten und eine Grundschule, eine Hausarztpraxis, einen Frisör, zwei Gasthöfe, einen Gärtner, einen Pflegedienst, eine Autowerkstatt und einen Motorradladen. Im Dorfladen konnte man alles für die Grundversorgung kaufen, Lotto spielen, Zeitungen, Spirituosen und Tabak besorgen, sich ab 6 Uhr früh frische Brötchen aus dem Backshop holen. Ab 1. Dezember können die Artlenburger nichts mehr im Ort kaufen, kein Pfund Butter, keinen Liter Milch, keine Packung Wurst. Ab Januar soll dann zumindest der Backshop wieder öffnen. Der Plan B steht seit wenigen Tagen. Eine ehemalige Mitarbeiterin des Dorfladens wird den Backshop betreiben, der Bürgermeister bei den nötigen Umbauten helfen. Der „Mini-Laden“ soll retten, was zu retten ist, auf einem Drittel der bisherigen Fläche. Zum Einkaufen aber müssen die Artlenburger in Zukunft in die umliegenden Orte fahren. Und das stellt vor allem viele ältere Bürger vor Probleme. 1657 Menschen leben in der Gemeinde Artlenburg, 227 von ihnen sind älter als 70. Unter ihnen auch Edeltraud Behr. Sie geht mit ihrem Rollator zu Fuß zum Dorfladen in der Ortsmitte, kauft dort fast alles, was sie zum Leben braucht. „Ich weiß gar nicht, was werden soll, wenn Carola zu hat“, sagt sie. Die Busanbindungen im Ort seien katastrophal, ihre Tochter wohne in Hannover, „wie soll ich denn dann einkaufen?“, sagt sie. Die 72-Jährige sagt, sie fühlt sich im Stich gelassen, abgehängt. „An uns Alte denkt keiner. Dabei geht es doch nicht nur mir so.“ Carola Verthein hat die Vorwürfe in den letzten Tagen oft gehört. Und auch wenn die meisten ihrer Kunden nicht ihr die Schuld geben, „sch... fühlt sich das trotzdem an“. Hinzu kommen die Sorgen um die eigene Zukunft, denn noch weiß die 54-Jährige nicht, wie sie ab nächstem Jahr ihr Geld verdienen wird. „Wenn ich Luft geholt und mich erholt habe, dann kümmere ich mich darum“, sagt sie, „jetzt muss ich erstmal Abstand kriegen.“ Dankbar ist die 54-Jährige vor allem ihren Mitarbeitern, die ihr bis zum Ende die Treue gehalten haben. Und den Kunden. Dennoch sitzen ihr 24 Jahre Selbstständigkeit in den Knochen, kaum Urlaub, lange Tage. Oft stand sie 14 Stunden im Geschäft, stellte den Wecker jeden Morgen auf 3.30 Uhr, um pünktlich um 6 Uhr frische Brötchen zu verkaufen. Viel verdienen ließ sich damit trotzdem nicht, „meistens musste mein Mann mir was leihen, damit ich im Winter über die Runden kam“, sagt sie. Manche im Ort erzählen, Carola hätte seit Jahren schon keine Lust mehr, nur einen Grund gesucht, um hinzuschmeißen. Sie sagt: „Am Ende hatte ich tatsächlich keine Lust mehr, aber nur weil man sie mir genommen hat.“ Mit dem Bürgermeister sei sie zwar gut klargekommen, „Rolf ist in Ordnung“, sagt sie. Trotzdem überwog am Ende das Gefühl, nicht mehr gewollt zu sein. „Das ist, als wenn dir dein Partner sagt, er liebt dich nicht mehr, aber du könntest bleiben, bis er jemand neuen gefunden hat.“ Carola Verthein hat sich entschieden zu gehen. „Das hat allein der Landkreis zu verantworten. Doch wir kämpfen weiter.“ Rolf Twesten Bürgermeister Artlenburgs Bürgermeister Rolf Twesten. Foto: ina 24 Jahre lang hat Carola Verthein in Artlenburg Lebensmittel verkauft, doch in wenigen Tagen ist Schluss. Dann gibt es im Ort keinen Lebensmittelladen mehr, da der vom Rat favorisierte Supermarkt vom Landkreis bislang nicht genehmigt wird. Foto: t&w 24 Jahre lang hat Carola Verthein in Artlenburg Lebensmittel verkauft, doch in wenigen Tagen ist Schluss. Dann gibt es im Ort keinen Lebensmittelladen mehr, da der vom Rat favorisierte Supermarkt vom Landkreis bislang nicht genehmigt wird

Bericht LZ - Landeszeitung Lüneburg
Landeszeitung Lüneburg





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